Heartfelt – How to make a mixtape | Leseprobe

6. März 2026 Heartfelt-Reihe, Leseprobe

„Dass das schon zehn Jahre her ist“, sagt Harmke und legt Henno ungefragt ein zweites Stück der mächtigen Friesentorte auf. Fragend blickt sie zu Jara, die dankend ablehnt.
„Schon wieder auf Diät?“, fragt Harmke und legt stattdessen ungefragt ihrem Mann Reint ein Tortenstück auf den Teller.
Jara atmet tief durch, streicht sich eine ihrer rotblonden Strähnen aus dem Gesicht. Seit bestimmt zehn Jahren hat sie keinen Gedanken mehr an eine Diät verschwendet. „Nein, mir ist nur einfach nicht nach Friesentorte.“
Immer dasselbe. Nimmt Jara nur ein Stück, wird ihr eine Diät angedichtet, obwohl sie sich längst damit abgefunden hat, dass sie nun mal eine kurvige Frau ist. Isst sie dann doch mal zwei Stücke der Torte, wird auch das natürlich entsprechend kommentiert. Denn während der dürre Reint und der hagere Henno die ganze Torte allein aufessen könnten, ohne dass es einen Kommentar von Harmke wert ist, ist eine Frau, die sich zwei Stücke Torte gönnt, natürlich der Völlerei verfallen.
Jara kennt das schon. Seit der ersten Familienfeier, zu der Henno sie mitgenommen hat. Und natürlich könnte Jaras Verzicht auf ein weiteres Stück der geheiligten Friesentorte von Harmke keinesfalls daher rühren, dass diese verdammte Torte bei jedem ihrer Besuche aufgetischt wird, weshalb Jara sie einfach nicht mehr sehen kann.
Harmke ignoriert Jaras unterschwellige Andeutung, legt auch sich noch ein Stück der Torte auf, natürlich nur ein ganz schmales, und fährt fort: „Wie laufen eure Planungen für die Feier?“
Jara hatte sich über die Jahre hinweg angewöhnt, es wie Reint zu machen: anwesend sein, aber möglichst wenig interagieren. Sie konnte ohnehin nur verlieren. Entweder wäre ihre Schwiegermutter pikiert oder aber Henno geriet in die Position, sich entscheiden zu müssen. So sicher sich Jara Hennos Liebe war – sobald sie das Haus ihrer Schwiegereltern betraten, war sie sich nicht sicher, ob seine Entscheidung auf sie fallen würde, käme es hart auf hart. Es war, als vergaß Henno mit Betreten des Hauses alles, was Jara und das Leben ihm an Selbstständigkeit und Feminismus beigebracht hatten. Er wurde wieder zu diesem etwas unbeholfenem Teenager, was sie früher in der Schule zwar süß gefunden hatte, aber mittlerweile seine unattraktivste Angewohnheit war. Immerhin legte er dieses Verhalten mit Verlassen des Hauses sofort wieder ab, dennoch war diese schlimme Eigenschaft auch nach einigen zahlreichen Gesprächen, die sie in der Vergangenheit geführt hatten, leider nie besser geworden.
Jara nimmt ihre Tasse Tee und lehnt sich im Sessel zurück, während sie in Gedanken die Minuten zählt, bis sie sich endlich verabschieden können.
Reint sitzt ebenso teilnahmslos am Tisch und ist vollends darauf konzentriert, die letzten Krümel seines Tortenstücks aufzugabeln.
Ob es Reint einfach egal ist, was um ihn herum passiert, oder ob er es als genauso anstrengend empfindet, Zeit mit Harmke zu verbringen, wie Jara? Letzteres bricht ihr ein bisschen das Herz.
„Der Saal ist gemietet, gerade sitzen wir an den Einladungen und …“, erzählt Henno.
„Seid ihr damit nicht etwas spät dran?“ Harmkes Stimme klingt, als hätte Jara nach einem dritten Stück Torte verlangt – schockiert.
„Es sind noch mehr als drei Monate bis zur Feier.“
„Ich meine ja nur. Verschickt sie lieber nicht zu spät. Nicht, dass wir am Ende etwas vorhaben und nicht kommen können.“
Jara schließt kurz die Augen und atmet tief durch, ehe sie antwortet: „Ihr kennt das Datum doch bereits.“
Harmke sieht sie an, im Blick ein Unglaube, als hätte Jara behauptet, der Himmel sei grün. „Aber ohne Einladung ist es ja nicht offiziell.“
„Die wird es noch geben. Das Datum könnt ihr euch bis dahin einfach freihalten.“ Jaras Blick sucht Hennos, der aber ist genau wie sein Vater damit beschäftigt, die letzten Krümel seiner Torte vom Teller zu kratzen. Scheint nicht zu bemerken, warum die Besuche bei seinen Eltern Jara so oft den letzten Nerv rauben.
„Aber wenn wir eine andere Einladung absagen, und dann kommt eure doch nicht …“, setzt Harmke erneut an.
„Der Saal ist gebucht und bezahlt. Die Feier wird stattfinden. Am zwanzigsten Oktober. Das steht fest.“
Einen Augenblick scheint es, als wolle Harmke ein weiteres Mal dagegenhalten, stattdessen greift sie dann aber nach ihrer Tasse.
„Wir basteln die Karten selbst“, erzählt Henno zufrieden und stellt seinen Teller beiseite.
Warum, Henno? Warum? Jara blickt ihn schockiert an, und seine Mutter legt ihre Hand an ihre Brust, als wäre sie einem Herzinfarkt nahe.
„Ihr bastelt die Einladungen?“
Jara beißt sich auf die Unterlippe. Harmke stellt die Frage, als würden sie die Einladungen mit Kinderblut schreiben.
„Ja“, sagt Henno begeistert, gänzlich unempfänglich für die Kommentare und Tonlagen seiner Mutter. „Jara hat da etwas sehr Schönes im Internet gesehen.“
„Oh, natürlich.“ Harmke stellt ihre Tasse ab, mit spitzen Fingern und leicht geschürzten Lippen, als sei ihr der Kaffee zu bitter.
Hennos Mutter ist keine Frau, die bastelt oder etwas selbst macht. So was machen ihrer Meinung nach nur arme Leute und die, die nicht genug Arbeit haben.
Die Ironie ist, hätte Henno es nicht erwähnt, Harmke wäre nicht aufgefallen, dass die Karten nicht aus einer teuren Druckerei sind. Da ist Jara sich sicher.
Für einen Moment ist nur das laute Ticken der Standuhr zu hören, bis es schließlich Reint ist, der fragt: „Und die Arbeit?“
„Alles gut so weit“, antwortet Henno. „Die Fusionen sind immer noch ein Thema, aber das Schlimmste scheint überstanden.“
Das ist gut, so schläft es sich ruhiger, denkt Jara.
Harmkes Reaktion ist jedoch eine andere: „Und hast du mittlerweile die Abteilungsleitung?“
„Das ist bei den aktuellen Umständen nicht möglich.“
Harmke quittiert das mit einem Raunen.
Der Job ist das einzige Thema, bei dem sich Henno und seine Eltern nie einig geworden sind. Arzt, Anwalt, Bankdirektor oder sonst ein Beruf mit Prestige war die Vorstellung seiner Eltern. Hennos Traum hingegen war es, Illustrator zu werden. Der Kompromiss letztlich, dass er technischer Zeichner geworden ist und nun für einen Designleuchtenhersteller arbeitet. Trotzdem: nicht genug. Das einzige Manko, das seine Eltern in Henno sehen. In ihren Augen aber immer noch besser als Tätowierer, Piercer und Webentwickler – was die Jobs von Hennos kleinem Bruder Menke sind.
„Vielleicht bald“, sagt Harmke optimistisch und beginnt damit, die Teller zu stapeln.
„Und bei dir?“ Reint sieht nun Jara an.
„Immer noch Altenpflegerin ohne Wunsch nach einer Beförderung oder einem anderen Job“, antwortet Jara und lächelt zufrieden.
„Das ist ja auch ein wichtiger Job“, flötet Harmke auf dem Weg in die Küche mit dem dreckigen Geschirr. In ihrer Stimme dieser Ton von Verachtung, den nur Jara und Menke wahrnehmen können.
Jara nickt bloß und verkneift sich einen Kommentar darüber, dass Reint und Harmke früher oder später wohl auch eine Pflegekraft in Anspruch nehmen werden müssen. Das ist der Lauf der Dinge, und sie werden es noch früh genug begreifen, dass Jaras Beruf genauso wichtig ist wie der eines jeden Bankdirektors – wenn nicht sogar wichtiger.
Als Harmke zurück ist, folgt die Huldigung von Hennos Cousine Johanna, die als Anwältin Erfolge feiert und erst vor wenigen Wochen ihre Schwangerschaft bekannt gegeben hat.
„Ach, wird das schön, bald mal wieder ein Baby um sich zu haben“, träumt Harmke, darauf bedacht, das Thema Jara und Henno gegenüber nicht direkt anzusprechen, da diese gedroht haben, nicht mehr zu Besuch zu kommen, sollte weiterhin auf ein Enkelkind gedrängt werden. Die einzige Regel, an die sich Harmke hält, weil Henno es ganze drei Monate durchgezogen hat, keine Besuche wahrzunehmen. Ein kleiner triumphaler Moment für Jara in ihrem ewigen Versuch, Henno aus der Trance seiner Mutter zu befreien.
„Vergesst nicht, auch ihr langsam eine Einladung zu schicken.“ 
Womit sie wieder beim Thema wären.
Henno nippt auffallend lange an seiner Tasse, nimmt dann seine Brille ab und putzt die Gläser an seinem Shirt. Er lässt den Moment verstreichen, um bloß nicht erzählen zu müssen, dass für seine Cousine keine Einladung vorgesehen ist. Jara unterdrückt ein Seufzen, wartet ab, aber Henno scheint die schlechte Nachricht nicht überbringen zu wollen.
Hennos und Jaras Jubiläumsfeier soll ganz nach ihrem Geschmack sein und nur zu ihren Bedingungen stattfinden. Nicht so wie ihre Hochzeit damals, die nach den Vorstellungen ihrer Eltern umgesetzt worden war.
„Ich werde ihr einfach schon mal das Datum nennen, dann kann sie es sich freihalten.“
Jara muss dem Drang widerstehen, ihre Augen zu verdrehen. Es ist also offenbar doch möglich, sich einen Termin freizuhalten, auch wenn man noch keine offizielle Einladung bekommen hat. Genervt sieht Jara zu Henno.
„Herrje, ich weiß gar nicht, wann ihr Geburtstermin ist. Reint, wann ist Johannas Geburtstermin?“ Harmke springt auf wie ein aufgescheuchtes Huhn, Reint zuckt nur mit den Schultern. Während Harmke aufgeregt nach ihrem Terminkalender sucht, wirft Jara Henno einen eindringlichen Blick zu: Sag es ihr.
Henno zieht ein Gesicht, als ob er Zahnschmerzen hat, holt schließlich aber tief Luft und folgt seiner Mutter.

„Könntet ihr bitte bei euren Sonntagskränzchen aufhören, Momster aus ihrem Gleichgewicht zu bringen?“ ist das Erste, was Menke sagt, als Henno dem Online-Sprachchat zu ihrem Spiel beitritt.
„Hallo, kleiner Bruder“, entgegnet Henno, während er es sich noch in seinem Sessel bequem macht und gekonnt ignoriert, was dieser gesagt hat.
„Ich meine es ernst. Es geht nicht, dass der Lieblingssohn sich in Ungnade wirft und sie dann mir auf die Eier geht.“ Menke klingt mürrisch, Henno kennt ihn aber gut genug, um zu wissen, dass er übertreibt.
„Ich bin nicht ihr Lieblingssohn“, sagt Henno ganz automatisch, da dies ein immerwährendes Thema zwischen ihnen ist.
„Was habt ihr unserer Mutter verwehrt, dass es ihr ausgerechnet heute ein Bedürfnis war, bei mir anzurufen?“
Henno seufzt und tritt Menkes Team bei, der unmittelbar die Suche nach einem Spiel startet.
„Unsere Cousine Johanna wird nicht eingeladen.“
Menke lacht. „Die heilige Johanna darf nicht kommen? Ein Wunder, dass Mutter keinen Herzinfarkt bekommen hat. Oder hat sie?“
„Mach nicht solche Scherze.“
Menke schnaubt unzufrieden, aber er hält sich an Hennos Bitte.
„Unglaublich, dass ihr schon zehn Jahre verheiratet seid“, sagt Menke stattdessen.
Henno lächelt. „Ja, allerdings.“
„Nimm das, du Lutscher!“ Menke hat einen gegnerischen Spieler erwischt. 
„Das wird so ein richtig schönes kleines Saufgelage, genau wie damals.“
„Der Einzige, der ein Saufgelage daraus gemacht hat, warst du, und ich meine mich erinnern zu können, dass du nachts noch eine Begegnung mit dem Kopf in der Toilettenschüssel hattest.“
„Unwichtige Details, großer Bruder.“
Henno nimmt amüsiert einen Schluck von seiner Limo und wird prompt von einem gegnerischen Spieler erledigt.
„Ich befürchte, Mama hofft, dass unser zehnjähriges Hochzeitsjubiläum die Kirchentrauung wird, die sie sich schon so lange für uns wünscht.“
Von Menke ist ein würgender Laut zu hören.
„Genau“, bestätigt Henno. „Dabei wollen wir einfach nur eine Feier nach unserem Geschmack. Ohne, dass unsere Eltern alles an sich reißen, so wie sie es damals gemacht haben.“
„Und da passt unsere liebe Cousine nun mal leider nicht rein.“ Dem folgt ein derber Fluch, weil Menke getroffen wurde.
„Ist noch über drei Monate hin bis zur Feier. Ich denke nicht, dass Jara und ich schon Ruhe vor dem Thema haben.“
„Mein Beileid, Mann.“ Dieser Ausspruch kommt von Herzen, Menke sagt das nicht nur so daher.
Wenn ihre Mutter sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann gab sie in der Regel erst Ruhe, wenn sie ihren Willen bekam. Was wiederum hieß, dass er und Jara sich in den kommenden Wochen und Monaten auf viele weitere Sonntagnachmittage gefasst machen konnten, bei denen es um eine Einladung für Cousine Johanna gehen würde.
Schon bei ihrer Hochzeit war es so abgelaufen. Jara und Henno standen beide nicht sonderlich gern im Mittelpunkt. Ihr ursprünglicher Plan sah vor, dass sie in kleinem Kreis, der ihre Eltern, Menke und Jaras beste Freundin einschloss, heiraten würden. Im Anschluss ein schickes Essen und dann Aufbrechen in den Traumurlaub nach Kanada. Ein paar Wochen wandern, die Natur bestaunen und im besten Fall Wale sehen.
Aber Hennos Mutter hatte Druck gemacht. Wenn es schon keine kirchliche Trauung geben würde, dann sollte wenigstens die standesamtliche groß gefeiert werden. Die Großeltern sollten dabei sein. Und wenn die Großeltern dabei waren, dann natürlich auch die Tanten und Onkel. Und deren Kinder. Und sowieso gefühlt jeder Mensch, der irgendwann in ihrem Leben auch nur mal Hallo gesagt hatte.
Darüber hinaus hatten sie ihr Gespartes und zur Hochzeit geschenkt bekommenes Geld investieren sollen, statt in der Welt rumzureisen. Sie hatten sich beide weichklopfen lassen und in eine Eigentumswohnung angelegt. Was sich zwar nicht als Fehler herausgestellt hatte, aber der Kauf der Wohnung, die Renovierung, ein kaputtes Auto und weitere lästige Alltagsärgernisse hatten das erneut gesparte Geld immer wieder aufgefressen. Die Pandemie hatte dann ihren Rest getan, und so war es bis heute nie zu der Traumreise von Jara und Henno gekommen.
„Ist nicht deine Schuld, Mann“, sagt Menke, und Henno ist sich nicht sicher, ob er die Situation im Spiel meint oder die Tatsache, dass Henno trotzdem auch sich selbst die Schuld gibt, dass es damals so gekommen war.
Jaras ursprüngliche Idee war es gewesen, zu zweit zu heiraten. In Kanada. Während der Traumreise. Aber Henno hatte seine Familie dabeihaben wollen, und so hatten sie sich auf die kleine Feier geeinigt, deren Planung dann explodiert war.
Jara hatte ihm nie einen Vorwurf gemacht oder auch nur ein Wort in die Richtung verloren, wofür Henno dankbar war. Trotzdem nagte es an Hennos Gewissen. Er würde nicht zulassen, dass es dieses Mal auch so laufen würde.
„Ich bin keine zwanzig mehr“, sagt er zu Menke. „Sie muss das Nein akzeptieren, ob es ihr passt oder nicht.“
Menke brummt ungläubig.
„Was?“
„Nun ja.“ Menke scheint sich zu winden, obwohl er sonst um kein Wort verlegen ist. „Du bist nicht gerade bekannt dafür, Mama die Stirn zu bieten.“
„Was soll das wieder heißen?“, fragt Henno gereizt.
„Bruderherz“, sagt Menke gedehnt. „Ich sag’s dir nicht gern, aber du bist ein Mamasöhnchen.“
Henno schüttelt abwehrend den Kopf. „Das stimmt doch gar nicht.“
Menke lacht laut. „Und wie das stimmt.“
Etwas verärgert konzentriert Henno sich auf das Spiel. Sucht die Spielumgebung nach Gegnern ab, duckt sich hinter ein paar flache Felsen und wartet, bis Menke mit seinem Avatar zu ihm aufgeschlossen hat.
„Wir werden niemanden einladen, den wir nicht dabei haben wollen“, sagt Henno entschieden, eher zu sich selbst als zu seinem Bruder. „Wenn Mama Cousine Johanna, den Papst oder sonst wen einfach einlädt, muss sie ihnen erklären, warum es keinen Platz am Tisch für sie gibt.“
„Hört, hört.“
„Ich mein’s ernst.“
„Ja, ich weiß“, sagt Menke und legt all seine Aufrichtigkeit in die Stimme. „Wollte das auch gar nicht anfechten. Echt. Bin beeindruckt.“
Hennos Ärger über Menkes Worte verfliegt. Wenn Menke beeindruckt ist, garantiert das allerdings, dass es für Henno eine unangenehme Diskussion mit seiner Mutter wird.
Im Spiel lässt Menke seinen Spielcharakter applaudieren, ehe er losrennt, um weitere Gegner zu erledigen. Henno versucht, dicht hinter ihm zu bleiben.
„Sie wird sie doch nicht einfach einladen, oder?“, fragt Henno unsicher und lässt seinen Controller sinken. Das Spiel ist wieder unwichtig geworden, und er wird eliminiert.
Menke flucht über den von Henno verursachten Minuspunkt, fokussiert sich aber auf die Frage seines großen Bruders: „Du kennst sie länger als ich. Aber seit eurem Babytalk-Boykott bin ich guter Dinge, dass sie es vielleicht einfach akzeptiert.“
Henno brummt wenig zuversichtlich. Wie Menke sagt: Henno kennt seine Mutter länger, und er kann sich nicht erinnern, dass jemals der erste Widerspruch akzeptiert wurde.
„Muss kurz telefonieren.“
„Viel Erfolg“, sagt Menke amüsiert und nimmt hörbar einen Schluck von seinem Getränk, ehe er wieder flucht, weil er getroffen wurde.

Ganz grundsätzlich hat Jara kein Problem mit den Nachtschichten. Den Frühdienst findet sie schlimmer. Hektischer und wesentlich mehr zu tun, vor allem dann, wenn die vorherige Schicht keine Zeit zum Vorbereiten hatte. Das kommt nicht oft vor, aber wenn, dann macht eine Frühschicht dank Personalmangel keinen Spaß.
„Und jetzt will sie, dass ihr seine Schickimicki-Cousine einladet?“ Reyhan schüttelt das Oberbett kräftig aus, ehe sie den Bezug darüberstülpt. „Die Alte ist echt nicht zu fassen.“ 
„Na ja, sie hat es so nicht gesagt, aber ich kenne sie nun lange genug.“ Jara klopft eines der Kissen aus. Vielleicht ein bisschen heftiger, als sie es sonst tun würde. Eigentlich geht ihr Harmke schon lange nicht mehr unter die Haut, doch es nervt sie, dass der Wunsch von ihr und selbst ihrem eigenen Sohn so wenig Beachtung findet. Immer und immer wieder.
„Weißt du, vielleicht laden wir sie einfach ein und sparen uns die elendigen Diskussionen.“
Reyhan pfeffert die bezogene Decke auf das Bett. „Nichts da, Süße! Ihr macht euer Ding, und Cruella de Willaber hat gar nichts zu melden. Was meint die, wer sie ist?“
Jara lacht. „Sie hat einfach eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wie das Leben ihres Sohnes aussehen sollte.“
„Lass mich raten: Ehe, Kinder, Reihenhaus?“
Jara nickt seufzend und nimmt sich das zweite Kissen vor.
„Was auch sonst? Weißt du, ich bin immer wieder überwältigt von der Einfallslosigkeit solcher Menschen.“ Reyhan schiebt ihre Ärmel hoch und stemmt einen ihrer tätowierten Arme in die Seite. „Vielleicht braucht die Gute mal etwas Nachhilfe in alternativen Lebensweisen.“
„Das hat ihr Zweitgeborener schon versucht und ist gescheitert.“
„Ja, aber ist der auch so hot wie ich und hat coole Tats?“
„Hat er. Und sogar Piercings.“
„Süße, nur weil du sie noch nie gesehen hast, heißt das nicht, dass sie nicht da sind.“ Reyhan grinst frech und lässt kurz ihre Augenbrauen wackeln. Lachend wirft Jara die benutzten Bezüge in den Wäschesack.
Reyhan macht sich wieder an die Arbeit. „Und dieser Zweitgeborene“, setzt sie an. „Sieht der genauso gut aus wie Henno?“
„Schwul“, sagt Jara lächelnd, was Reyhan mit einem leisen Fluch quittiert.
„Entweder verheiratet oder schwul – ich habe einfach kein Glück“, schimpft Reyhan halb ernst vor sich hin und zieht Abdeckfolie über das fertig bezogene Bett.
„Vielleicht stimmt er einer Zweckehe mit dir zu, dann würde seine Mutter ihm auch nicht mehr in den Ohren hängen.“
„Aber mit wem schlafe ich denn dann?“ Reyhan klingt gequält. „Ich will doch einfach nur mal wieder so richtig guten Sex.“
Reyhan macht Anstalten, sich in ihrem Leid auf das frisch bezogene Bett fallen zu lassen. Aber Jara packt sie am Arm und zieht sie aus dem Zimmer.
„Komm schon, dann erzähl mir wenigstens, was bei dir und Henno so geht. Ich brauche gute Sexgeschichten in meinem Leben.“
Jara lacht. Sie nimmt einen weiteren Stapel Bettwäsche vom Wagen, ehe sie das nächste leere Zimmer betreten.
„Komm schon“, bettelt Reyhan und beginnt damit, die benutzte Wäsche von Decke und Kissen zu ziehen. „Sei nicht prüde.“
„Ich bin nicht prüde“, entgegnet Jara etwas beleidigt. „Es ist nur …“
„Oh nein“, sagt Reyhan betrübt. „Ihr habt keinen Sex mehr.“
„Doch, natürlich haben wir noch Sex. Es ist nur … Nach so vielen Jahren ist es nicht mehr so … heiß wie deine Sexgeschichten.“
„Nun …“ Reyhan wirft Jara einen anzüglichen Blick zu. „Ein Feuer kann man schüren.“
„Ja, schon. Wir sind nur beide nicht so die Experimentierfreudigen, die auf Spielzeuge oder so was stehen.“
„Ach, ihr zwei süßen Vanillas“, schwärmt Reyhan. Dieses Mal klopft sie die Kissen auf. „Aber um das Feuer wieder zu entfachen, braucht es nicht zwingend Spielzeuge. Es reicht schon, wenn ihr einfach mal nicht in eurem Bett miteinander schlaft oder wo auch immer ihr sonst so eurer Lust nachgeht.“
Jara rackert sich damit ab, den Bezug über die Decke zu ziehen, also nimmt Reyhan, die sie um fast einen Kopf überragt, die Aufgabe ab und drückt ihr den Kissenbezug in die Hände.
„Einfach mal wieder einen Blowjob, wenn er nach der Arbeit zur Tür reinkommt. Ein Rollenspiel: die sexy Pflegerin und der hotte beim Skifahren Verunfallte, der seine Arme nicht benutzen kann. Du überrascht ihn morgens in der Dusche. Oder während er zockt – ja, mach das!“, schlägt sie begeistert vor.
„Okay, du bist mir ein bisschen zu aufgeregt dafür, dass du nicht beteiligt bist“, sagt Jara amüsiert und legt das bezogene Kissen aufs Bett.
Der Sex zwischen Jara und Henno ist wirklich nicht mit Reyhans Vorstellungen zu vergleichen. Jara will nicht das Wort Trott benutzten, aber der Alltag und ihre Gewohnheiten haben sich nicht nur in ihrem täglichen Leben ausgebreitet, sondern auch in Hennos und Jaras Bett. Sie ist nicht unzufrieden, und soweit Jara weiß, ist Henno es auch nicht. Doch hin und wieder mal ein wenig mehr Prickeln, so wie früher, dagegen hätte Jara definitiv nichts einzuwenden.
„Oh, ich kann es mir richtig vorstellen.“ Reyhan drückt die Decke an sich, statt sie zusammenzulegen. „Wie er da sitzt, vertieft in sein Spiel, und dann kommst du rein. Nackt und heiß und geil und sein –“
Jara zieht skeptisch die Augenbrauen zusammen.
„Was?“, fragt Reyhan verdutzt. „Als eine Frau, die alle Menschen attraktiv findet, kann ich dir sagen, du bist heiß.“
Jara brummt missmutig und nimmt sich das zweite Kissen vor.
„Heiß. Wie. Die. Hölle.“
„Reyhan, du übertreibst.“
„Süße, guck dich doch an. Wenn du nicht verheiratet wärst und Bock auf mich hättest, ich würde vergessen, dass in diesem Bett heute der alte McGrabscher gestorben ist, und dich auf der Stelle vernaschen.“
Jara lacht laut auf. „Das sagst du bloß, weil du geil ohne Ende bist.“
„Wenn ich einfach nur geil wäre, hätte ich mich auch von McGrabscher anfassen lassen können.“ Reyhan reicht Jara die Rolle mit der Abdeckfolie. „Ich meine es ernst, Süße, was auch immer du für versaute Gedanken mit deinem Mann im Kopf hast, ich garantiere dir, Henno wird nicht widerstehen können. Trau dich.“
„Wer sagt, dass ich mich nicht traue?“
Reyhan lächelt wissend. „Dein Gesicht.“
Jara fühlt sich ertappt. Sie und Henno sind fast zwanzig Jahre zusammen. Haben nur miteinander Erfahrungen gesammelt, sie sind perfekt aufeinander eingestimmt, was Jara liebt und ihr Sicherheit gibt. Aber genau das sorgt leider auch dafür, dass sie beim Sex nicht gerade experimentierfreudig sind und oft ihrem gewohnten Ablauf folgen.
„Okay“, sagt Jara schließlich. „Erzähl mir mehr von diesem Rollenspiel.“

Während der Fahrt nach Hause kreisen Jaras Gedanken um die Möglichkeiten, ihre und Hennos Sexroutinen aufzubrechen. Sie muss darüber lächeln, weil es ihr so albern vorkommt.
Wenn man so lange mit jemandem zusammen ist und genau weiß, was man selbst mag und was der andere mag … Wenn man so eingespielt und müde von der Woche ist – da kommt es Jara fast lächerlich vor, dass sie darüber nachdenkt, etwas anderes auszuprobieren, nur damit es sich wieder mal anfühlt wie als sie Teenager waren.
Gleichzeitig bringt es einen Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch zum Flattern, wenn sie sich überlegt, wie sie Henno überraschen könnte.
Reyhans Rollenspielideen hat Jara alle für Henno und sich ausgeschlossen. Henno ist nicht der Typ dafür, einen verunfallten Skifahrer, Lehrer oder Oberarzt zu spielen, und Jara kann sich mit dem Gedanken auch nicht so recht anfreunden.
Am besten hat ihr tatsächlich die Vorstellung gefallen, Henno nackt beim Zocken zu überraschen. So sexy sie selbst diese Idee findet, so kompliziert ist sie allerdings auch. Zum einen, weil Jara nun wirklich überhaupt keine Ahnung hat, wie man auf einem Schreibtischstuhl angenehm Sex haben soll, zum anderen, weil Menke nicht vergessen werden darf, der ansonsten den Rest seines Lebens Spaß mit dieser Geschichte hätte.
Dennoch läuft ihr ein warmer Schauer über den Rücken, wenn sie sich vorstellt, wie sie nur mit ihrer schicksten Unterwäsche bekleidet und den Morgenmantel übergeworfen in der Tür zum Wohnzimmer steht. Neckisch den Stoff lichtet, um den Blick ihres Mannes vom Spiel auf dem Bildschirm abzulenken, und es tatsächlich sogar schafft. Ihm die Kopfhörer vom Kopf schiebt, Menke einen Abschied ins Mikro raunt und ihren Mann dann ins Schlafzimmer entführt.
Jara entfährt ein trockenes Lachen. So anregend sie ihre eigene Vorstellung auch findet. Sie kennt Henno lange genug, um zu wissen, dass er sie überhaupt nicht wahrnehmen würde, wenn sie in der Tür stünde. Und das nicht, weil er unsensibel oder desinteressiert wäre, sondern bloß, weil Henno einer dieser Menschen ist, die nichts anderes wahrnehmen, wenn sie in einem Spiel, einem Film oder einer Aufgabe versunken sind. Sein eher logisch veranlagtes Gehirn würde mit der Information einer halb nackten Frau, die vor ihm steht, während er ein Videospiel spielt, vermutlich durchbrennen, sein Penis in dem Augenblick nicht wissen, was zu tun ist.
Sie parkt den Wagen vor dem Wohnkomplex und versucht, wie nach jeder Nachtschicht, möglichst wenig Geräusche zu machen, während sie ihre und Hennos Wohnung betritt.
Für gewöhnlich würde Jara die halbe Stunde, bis Hennos Wecker klingelt, nutzen, um Kaffee und ein kleines Frühstück vorzubereiten. Sie würden kurz zusammensitzen und reden, ehe sie sich im Badezimmer abwechseln und Henno dann zur Arbeit fahren, während Jara ins Land der Träume aufbrechen würde.
Heute nicht, denkt Jara.
Sie streift ihre Schuhe und Socken ab, legt ihre Tasche und Jacke beiseite und schleicht ins Schlafzimmer.
Henno liegt tief atmend mit dem Rücken zu ihr. Fast lautlos schält Jara sich aus ihrer Kleidung. Zieht alles aus, bis sie nur noch ihren Slip trägt, und legt sich dann vorsichtig ins Bett.
Sachte rutscht sie an ihren schlafenden Mann heran. Streicht ihm liebevoll über den Rücken, den warmen T-Shirt-Stoff unter ihren Fingern. Fährt ihm streichelnd durch die dunkelblonden Haare und legt ihren Mund an sein Ohr.
„Hey, Träumender“, flüstert sie, und Henno regt sich ein wenig. „Zeit aufzuwachen.“
„Mhh, da bist du ja.“ Hennos Stimme ist ein wenig heiser. Schlaftrunken wälzt er sich auf die andere Seite, um Jara ansehen zu können. Liebevoll nimmt sie sein Gesicht in ihre Hände und küsst ihn. Nicht nur der übliche Guten-Morgen-Schmatzer, sondern leidenschaftlich. Öffnet leicht ihren Mund, knabbert vorsichtig an seiner Unterlippe und Henno stimmt mit ein. Als er seine Körperposition anpassen möchte, berührt sein Handrücken Jaras Brust.
„Oh“, flüstert er erfreut. „Eine nackte Frau in meinem Bett.“

Catherine Strefford
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